Zwischen Euphorie und Überlebenswissen: CNT.CORE setzt auf Community
Teaser: Bassdruck, handbag house und ein klarer Anspruch: CNT.CORE im Sameheads zeigt, wie queere Clubnächte Hedonismus und Verantwortung zusammendenken. Mit „Braver Spaces“ und einem sichtbaren Queer Taxi Fund wird Care hier nicht gepredigt, sondern organisiert.
Queer als Struktur - nicht als Label
Als queere Partyreihe im Berliner Nachtleben versteht sich CNT.CORE als Gegenentwurf zu reiner Inklusionsrhetorik.
„CNTCORE ist aus einer sehr konkreten Sehnsucht entstanden: nach einem Ort, der nicht nur ‚queer-friendly‘ ist, sondern queer gedacht: im Sound, im Blick, in der Art, wie wir miteinander umgehen“, sagt Kuratorin DJ handbag.
Am 6. Februar im Sameheads entwickelte CNT.CORE eine konsistente Sound-DNA. Die Acts verband eine queer-coded Sensibilität für Intimität auf dem Dancefloor. Ein Feingefühl für Nähe, für Energieverschiebungen und dieses kollektive Atmen im Peak. „Niemand spielt ‚über‘ den Raum - alle spielen mit dem Raum“, so DJ handbag, Kollektivmitglied des ooze.collectives und eine feste Größe im Berliner Underground.
Dadurch entstand kein Line-up von Einzelacts, sondern ein zusammenhängender Organismus.
„Braver Spaces“ als kollektive Praxis
CNT.CORE arbeitet unter dem Motto „Braver Spaces, not safer spaces“. Das klingt zunächst wie ein Wortspiel, meint aber eine klare Haltung: Sicherheit wird hier nicht nur als Versprechen verkauft, sondern als etwas, das gemeinsam hergestellt wird, im Miteinander.
„Wenn wir sagen, ein Raum ist ‚braver‘ [engl. mutiger], dann muss das materiell werden“, so DJ handbag. Der Queer Taxi Fund ist dafür kein symbolisches Add-on, sondern sichtbarer Teil der Nacht. „Du sollst nicht nur gut ankommen. Du sollst auch gut nach Hause kommen.“
Auch Awareness selbst ist hier mehr als ein Label: „Wir normalisieren, dass Dinge angesprochen werden dürfen - früh, klar, ohne Drama.“ Grenzen gelten nicht als Stimmungskiller, sondern als Grundlage dafür, dass überhaupt losgelassen werden kann. Und wenn etwas schiefläuft, geht es nicht um Wegsehen oder sofortiges „Canceln“, sondern um Verantwortung und Veränderung.
Dabei wird Hedonismus gerahmt, nicht erstickt. „Freiheit beginnt nicht da, wo alles erlaubt ist, sondern da, wo meine Freiheit nicht auf Kosten anderer geht.“ In einer Stadt, in der Clubnächte zunehmend unter Eventdruck stehen, formuliert CNT.CORE damit eine Haltung: maximale Euphorie, aber mit kollektiver Rückendeckung.
In der Valentinstagswoche wird Liebe meist paarzentriert verhandelt. CNT.CORE formuliert eine andere Perspektive: „Bei CNT.CORE geht es um Liebe als Praxis, nicht als Status. Nicht: Wer gehört zu wem? Sondern: Wie begegnen wir uns?“
Visualität als zweite Sprache
Visuell wurde die Nacht von einer Installation des DJs und Regisseurs Paul Scheufler (DJ caterpillar) gerahmt.
Scheufler versteht Visuals nicht als reine Dekoration: „Visuals sind im Club nicht nur Deko, sondern eine zweite Sprache neben der Musik.“ Sie formen Intimität, modulieren Energie und beeinflussen Nähe.
Während die Sets von unter anderem Amphia, PSL und Sean Fender im Vordergrund standen, verstärkten Scheuflers filmische Tagebuchfragmente die emotionale Textur der Nacht. Seine im Sameheads gezeigten Visuals verbanden Klang und Bild auf atmosphärischer Ebene und erweiterten die queere Night um eine zusätzliche Dimension. CNT.CORE erschien dadurch weniger als Event, mehr als Atmosphäre.
Liebe als Praxis, nicht als Status
In der Valentinswoche erscheint Liebe bei CNT.CORE als Solidarität unter Fremden, als Blickkontakt ohne Besitzanspruch, als temporäre Gemeinschaft.
Berlin bleibt dafür ein paradoxes Terrain: „Wir spüren ökonomischen Druck, weniger Räume, mehr Prekarität“, sagt DJ handbag. Gleichzeitig wachse das Bewusstsein, dass Queerness Verantwortung bedeutet. Care sei kein Trend, sondern „Überlebenswissen“.
CNT.CORE positioniert sich genau dort: zwischen Euphorie und Verantwortung.
Wer: CNT.CORE
Curated by: DJ handbag
Visuals: Paul Scheufler
Was: Queer-House-Nacht
Wann: 6. Februar (nächster Termin: 29. Mai)
Wo: Sameheads, Berlin-Neukölln
